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Mehr Azubis durch weniger Lohn?
Pro und Contra: 270 Euro als Pauschalvergütung für Azubis
Zwei Monate vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres fehlen in NRW noch immer rund 28.000 Lehrstellen. Damit die Unternehmen neue Ausbildungsplätze schaffen, will DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun die Azubi-Gehälter kürzen - auf pauschal 270 Euro. Was spricht dafür, was dagegen?
Heinrich Remagen, Unternehmer in Köln, befürwortet die Senkung der Azubi-Gehälter.
Ich bin für die pauschale Senkung der Basisvergütung für Azubis, weil...
Remagen: ... mit einer deutlichen Senkung sofort mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden könnten. Die Budgets für Ausbildung sind in den Betrieben einfach begrenzt, gerade im mittelständischen Bereich, wozu ich mein Unternehmen zähle. Bei den Personalkosten gibt es bisher kaum Flexibilität, darum wäre eine solche Änderung eine Riesenchance, den ausbildungswilligen jungen Leuten zusätzlich Stellen anzubieten. Ich sehe das als eine Form der solidarischen Umverteilung. Es geht nicht darum, dass irgendein Betrieb damit Geld einspart, sondern darum, den erstarrten Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Bewegung zu bringen.
Welche konkreten Auswirkungen hätte die einheitliche Basisvergütung auf den Lehrstellenmarkt?
Remagen: Zur Zeit kann ich zwei Ausbildungsstellen anbieten. Bei einer Absenkung der Gehälter um 30 Prozent - und das wäre wahrscheinlich noch weit über diesen 270 Euro - könnte ich auf jeden Fall einen Ausbildungsplatz mehr schaffen. Ich bin überzeugt davon, dass auch andere Betriebe das machen würden, denn wir bilden gerne aus. Aber wir sind mit den gesamten Personalkosten an unsere Kostengrenzen gestoßen.
Darf der Staat sich hier überhaupt einmischen?
Remagen: Die Tarifautonomie hat sich mit den bestehenden Regelungen ad absurdum geführt. In großen Unternehmen sind ja inzwischen Betriebsvereinbarungen möglich - da hat also schon was bewegt. Wir sind einfach an die Grenzen unseres Sozialstaates gestoßen und dazu gehört auch der Bereich der tariflich vereinbarten Löhne und der Ausbildungsvergütungen. Es geht nicht darum, dass ich es den jungen Leuten nicht gönne, wir zahlen die Gehälter ja auch. Wir können das aber nur in ganz begrenztem Umfang.
Wie schätzen Sie die Chance ein, dass bis zum 1. Oktober noch genügend Lehrstellen geschaffen werden können?
Remagen: Mit niedrigeren Azubi-Gehältern können wir die Lücke auf jeden Fall schließen. Auch ich persönlich würde ein bis zwei Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen.
Gabriele Schmidt, Landesbezirksleiterin Verdi NRW, lehnt eine Pauschalvergütung für Azubis ab.
Ich lehne eine pauschale Senkung der Basisvergütung für Azubis ab, weil...
Schmidt: ... Ausbildungsvergütung grundsätzlich keine Luxusvergütung ist. Sie soll Jugendliche in die Lage versetzen, selbstständig und unabhängig von Dritten ihr Leben zu führen. Und das ist heute teuer. Deshalb sollte eine angemessene Vergütung auch für jeden möglich sein. Zumal der Auszubildende in seinem Betrieb eingebunden ist, das heißt, er leistet einen produktiven Beitrag. Das hat mit Luxusbezahlung wenig zu tun. Zudem muss man bedenken, dass es eine große Spanne gibt. Das geht los bei 325 Euro im Monat im Verkehrsgewerbe Sachsen-Anhalt im ersten Ausbildungsjahr bis hin zu 1.200 Euro im letzten Ausbildungsjahr im westdeutschen Bauhauptgewerbe. Es ist unmöglich, das über einen Kamm zu scheren.
Welche konkreten Auswirkungen hätte die einheitliche Basisvergütung auf den Lehrstellenmarkt?
Schmidt: Ausbildung wird für Jugendliche, die oftmals nach dem Schulabschluss bereits volljährig sind, nicht attraktiver. Viele, die vergeblich versucht haben, einen Ausbildungsplatz zu finden, entscheiden sich dann aus familiären und finanziellen Gründen oft, irgendeinen Job anzunehmen. Meistens einen schlecht bezahlten ohne soziale Absicherung und ohne eine Chance auf eine lange Zukunft in dem Beruf. Das schafft ein Heer von Ungelernten, die irgendwann große Probleme auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Man tut sich keinen Gefallen damit, der Ausbildung auch noch den finanziellen Anreiz zu nehmen.
Darf der Staat sich hier überhaupt einmischen?
Schmidt: Das war der erste Gedanke, der sich mir aufdrängte: Wer soll das verordnen? Der Staat kann es nicht. Das ist eine Sache, die in Tarifverhandlungen entschieden wird und nicht per Gesetz. Und es muss auch Tarifpolitik bleiben. Der Staat ist aber dann in der politischen Verantwortung, wenn es darum geht, Ausbildungsplätze für alle Jugendlichen zu sichern. Zum Beispiel über eine Ausbildungsumlage, die von allen Betrieben je nach Finanzkraft bezahlt wird.
Wie schätzen Sie die Chance ein, dass bis zum 1. Oktober noch genügend Lehrstellen geschaffen werden können?
Schmidt: Ich bin da relativ pessimistisch. Es ist in der Vergangenheit kaum gelungen, diese Lücke zu schließen. Es wird jetzt wahrscheinlich auch wieder nicht gelingen. Wir werden feststellen, dass wieder sehr viele Ausbildungsplatzsuchende in schulische Lehrgänge gehen. Dann werden sie aus der Statistik raus genommen. Aber selbst das wird nicht reichen. Wir schieben da eine gewaltige Bugwelle vor uns her. Jahr für Jahr drängen die wieder auf den Ausbildungsmarkt, die im Jahr zuvor noch eine Runde in der Schule gedreht haben. Das führt zu nichts.
Quelle: wdr.de, (http://www.wdr.de/themen/homepages/wirtschaft.jhtml) 02/08/2005
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